Gekommen, um zu bleiben

Wie lange bleiben eigentlich internationale Pflegefachkräfte oder Erzieherinnen in Deutschland? Und wie lange bleiben sie beim ersten Arbeitgeber? Diese Frage beschäftigt Pflegedienstleitungen und Kita-Träger - aus verständlichen Gründen. Sie wollen wissen, ob sich die Kosten und Mühen für Rekrutierung und Integration „lohnen“. Wir haben die ersten beiden Gruppen unserer Talente aus Vietnam, die im Frühjahr 2016 und im Frühjahr 2017 am eingereist sind, einmal genauer unter die Lupe genommen. Zu manchen hatten wir noch Kontakt, andere mussten wir erst ausfindig machen. Weil die Gruppe untereinander gut vernetzt ist, war es möglich, alle zu befragen. Es ergibt sich ein überaus positives Bild:

Von insgesamt 39 Pflegefachkräften aus Vietnam sind nach zehn bzw. neun Jahren 34 weiterhin in Deutschland. 14 von ihnen sind bei ihrem ersten Arbeitgeber beschäftigt, dem Sana Klinikum in Offenbach. 20 arbeiten in anderen Kliniken. Alle sind weiterhin in der Pflege oder Pflegepädagogik tätig. Nur vier von 39 sind – nach jeweils mehr als fünf Jahren Arbeit in Deutschland - nach Vietnam zurückgekehrt; eine ist in die Niederlande gezogen.

Thuy Ngo, heute 33 Jahre alt, war damals Klassensprecherin der Gruppe. Sie arbeitet inzwischen am Klinikum Darmstadt als Kodierfachkraft. Wenn Sie heute an ihre Ankunft in Deutschland zurückdenkt, sagt sie: „Wir hatten so intensiv Deutsch gelernt. Wir dachten, wir wären mit B2 gut vorbereitet. Aber dann haben alle so schnell gesprochen, dass wir kaum was verstanden haben.“ Nach einem halben Jahr wurde es besser, die Berufsanerkennung hat problemlos geklappt. Frau Ngo hat inzwischen die C1-Prüfung absolviert. Was ihr in Deutschland am besten gefällt: „Die Meinungsfreiheit. Ich darf bei der Arbeit alles sagen – auch Negatives.“ Sie ist froh über die gute Atmosphäre in ihrem Team und geht sehr gerne zur Arbeit. Was sie auch mag: „In Deutschland gibt es eine Trennung zwischen Arbeit und Privatleben. Man darf zu Hause abschalten. Das geht in Vietnam nicht. Da ist man quasi immer im Dienst.“ Frau Ngo ist äußerst froh, die Chance genutzt zu haben, ein neues Land kennenzulernen. Sie ist inzwischen verheiratet und hat eine Tochter. Kolleginnen in Vietnam, die darüber nachdenken, nach Deutschland zu gehen, rät sie zu. Unter anderem wegen der vielen Weiterbildungsmöglichkeiten, die es hier gibt.

Diese Möglichkeiten haben sie und ihre Kolleginnen intensiv genutzt: 20 Fachkräfte aus dieser Gruppe haben eine Weiterbildung abgeschlossen, manche sogar zwei – zum Beispiel in Geriatrie, Palliativpflege, Intensivpflege oder Wundmanagement. Einzelne haben sich zur Kodierfachkraft weitergebildet, andere arbeiten in Stroke Units. Manche haben Masterstudiengänge in Pflegemanagement, Digital Healthcare Management oder Pflegepädagogik absolviert. Eine Kollegin aus dieser Gruppe leitet heute die AWO-Bildungsakademie Württemberg in Böblingen. Alle sind Vorbild für andere Pflegefachkräfte aus Vietnam, die eine Karriere in Deutschland anstreben.

Sabine Braun, die als Pflegedirektorin am Sana-Klinikum in Offenbach die Integration der ersten beiden Gruppen aus Vietnam begleitet hat, sagt: „Ich würde das jederzeit wieder machen.“ Ihr Haus hatte zuvor Fachkräfte aus Spanien integriert, die aber schnell wieder in die Heimat zurückkehrten. Danach war ihr klar: „Wir müssen uns für Menschen entscheiden, die von weiter wegkommen und wirklich hierbleiben möchten. Und wir brauchen einen Partner, der sie gut betreut.“ Den fand sie mit TalentOrange.

Als schüchtern oder still hat Sabine Braun die Pflegekräfte aus Vietnam höchstens ganz am Anfang erlebt. „Es kommt darauf an, dass die Leitung wie auch alle Pflegekräfte auf den Stationen den neuen Kolleginnen mit Wertschätzung und Respekt für ihre Kultur und ihre Fähigkeiten begegnen. Auch die interkulturellen Workshops für die aufnehmenden Stationen haben geholfen.“ Die ehemalige Pflegedirektorin ist noch heute manchmal am Sana und freut sich dann, die vietnamesischen Kolleginnen zu treffen. „Integration funktioniert,“ sagt Sabine Braun, „wenn man offen miteinander spricht.“

Die 39 jungen Frauen aus Vietnam, die 2016 bzw. 2017 nach Deutschland kamen, haben gezeigt, wieviel Energie, Motivation und Leistungsbereitschaft in ihnen steckt. Dung Nguyen, die heute Pflegepädagogin an der AWO-Bildungsakademie in Böblingen ist, sagt: „Ich bin in den zehn Jahren viel selbstbewusster und selbständiger geworden.“ Auch privat haben die Fachkräfte aus Vietnam in Deutschland Wurzeln geschlagen: Die meisten von ihnen sind verheiratet, manche haben eine Familie gegründet. Einige haben inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft. Wir von TalentOrange sind froh und ehrlich gesagt auch ein bisschen stolz auf alle diese erfolgreichen Lebenswege. Im Mai treffen wir die Gruppe zu einer Jubiläums- und Wiedersehensfeier. Dann heißt es: Herzlichen Glückwunsch zum Zehnjährigen!